Vor der Maßnahme - 1.3.2019



Ich bin 26 Jahre alt und stehe vor einer der beängstigendsten Herausforderungen meines Lebens. Ähnlich beängstigend wie Auto fahren zu lernen, oder beim Arzt anrufen, aber schon weniger beängstigend als aus dem Elternhaus auszuziehen.
Beängstigender als einfach so weiter zu machen wie bisher.

Das klingt jetzt alles etwas dramatischer als es eigentlich sein sollte.

Heute, am 1.3.2019, beginnt für mich eine Integrationsmaßnahme mit psychosozialem Schwerpunkt. Kostenträger ist das Jobcenter, Träger der Maßnahme ein Bildungsträger in der Stadt.

Da ich leider nicht arbeiten kann, und meine langfristigen Pläne auch eher in Richtung Studium gehen, befinde ich mich in einer etwas heiklen Situation. Ich kann mich nicht weiter in Richtung Studium bewegen, bevor ich nicht weiter stabilisiert wurde und stecke mit einem Fuß im System, mit dem anderen irgendwo draußen: 
Seit 2 Jahren stehe ich auf einer Warteliste für Verhaltenstherapie, und seit etwas mehr als einem Jahr habe ich unregelmäßig Termine bei einer Bezugspflegerin in einer ambulanten Pflegeeinrichtung. 

Ich bekomme ein Antidepressivum von meiner Psychiaterin verschrieben, gehe einer wöchentlichen Routine nach, und arbeite ehrenamtlich ein paar Stunden in der Woche bei einer kleinen Nachhilfeschule. Zu keinem Termin komme ich zu spät, ich informiere mich und arbeite jeden Tag an mir. Ich habe Sozialkontakte, wenn auch wenige, und habe ein gutes Netzwerk an Ärzten, Pflegern, Freunden und Familie.

Das klingt soweit alles schon super, oder?
Ja - natürlich! Das ist es auch!
Ich hätte nie gedacht, dass ich es einmal an diesen Punkt schaffe. Zur Zeit läuft mein Leben im Vergleich zu meiner Vergangenheit einfach klasse.
Da regt sich schon die Versuchung doch einfach alles so zu belassen wie es ist. Wenn es mir ganz gut geht, so wie Dinge laufen, warum dann etwas ändern? Never change a running system!

Mein Leben spielt sich in einer Komfortzone ab. Mit den Jahren und viel harter Arbeit, Therapie und vielen schmerzlichen Erfahrungen, Fehlschlägen und Erfolgen, hat sich meine Komfortzone jedoch erweitert.
Konnte ich früher nicht einmal ans Telefon gehen, wenn jemand anrief, so kann ich jetzt sogar andere Menschen anrufen und ihnen Fragen stellen. Früher konnte ich nicht ins Kino gehen, und wenn dann nur ganz hinten, direkt am Gang. Jetzt gehe ich ins Kino und setze mich nicht nur in die Mitte der Reihe, sondern auch in die Mitte des Saals.
Ich konnte nicht einkaufen gehen oder mit fremden Menschen sprechen ohne Panik zu bekommen.
Meine Komfortzone nähert sich langsam der eines gesunden Menschen an.
Ein Bereich, der sich zwar sehr gebessert hat, bei dem ich jedoch noch viele Schwierigkeiten habe, sind Gruppen.
Hier komme ich nun auch endlich auf den Punkt zurück:

Nach vielen Gesprächen mit meinen Fallmanagern beim Jobcenter, die immer sehr rücksichtsvoll gegenüber mir und meinen Krankheiten sind, wurde mir Ende des letzten Jahres eine Maßnahme vorgeschlagen.

Ich war skeptisch, da ich aus Maßnahmen bisher nur Horrorgeschichten über Bevormundung, Langeweile oder Überforderung gehört hatte. Ich fühle mich nicht bereit dafür, hatte ich doch auch vor ein Studium anzustreben anstatt wie bei so vielen Maßnahmen üblich direkt von der Maßnahme in ein Praktikum und von dort in eine Ausbildung überzugehen.
Die Angst, in einen Weg gedrückt zu werden, machte sich breit.

Zum Glück war das nicht, was meine Fallmanager im Sinn hatten.
Die vorgeschlagene Maßnahme sollte zur Stabilisierung dienen, ein sicheres Umfeld, in dem ich lernen könnte mich in einer Gruppe zurechtzufinden. Da dieses einer meiner Problembereiche ist, und nicht nur für’s Studium, sondern auch für das ganze Leben gut und wichtig ist, stimmte ich nach einigem Zögern zu.

Warum habe ich gezögert? Eigentlich klingt es doch perfekt, wenn es genau das ist, was ich brauche und ich die Unterstützung habe, warum zögere ich?
Stichwort: Komfortzone.
Natürlich gab es viele andere Gründe, die mein Gehirn in dem Moment herausgekramt hat, doch im Grunde ist es eigentlich nur Angst. Angst davor, die Komfortzone zu verlassen, eine feste Vereinbarung zu treffen, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt.

Denn die Maßnahme dauert (mindestens) 6 Monate und beginnt sogar 2 Monate früher als eigentlich angedacht.

Letzte Woche war ich beim Bildungsträger und habe den Vertrag unterschrieben. Ich habe mich bewusst FÜR die Maßnahme und damit die Herausforderung entschieden.

Jetzt sind wir wieder am Anfang.
Diese Maßnahme macht mir Angst. Bisher habe ich keine Ahnung, was mich ab dem 1.3. und die darauf folgenden 6 Monate erwartet. Aber obwohl Unsicherheit mir ein Graus ist und meine Ängste in die Höhe schnellen lässt: Ich freue mich auf diese Herausforderung. 

Andere Menschen, geregelter Tagesablauf, 6 Stunden am Tag nicht zuhause sein, nach der Maßnahme an 3 Tagen in der Woche noch arbeiten gehen, Balance mit dem Sozialleben, Haushalt, meiner Samtpfote, Termine, und der Bewerbungsmappe fürs Studium.

Das sind alles Dinge, die sich völlig außerhalb meiner Komfortzone abspielen, und nur die Dinge, von denen ich weiß, dass sie auf mich zu kommen.

Ich habe Angst, doch ich freue mich auch darauf.
Es ist eine Chance zu lernen, zu wachsen und meine Komfortzone in verständnisvoller, sicherer Umgebung auszudehnen.


Ich bin Eva und nehme diesen Blog mit auf meine Reise.
Lasst euch nicht unterkriegen. 

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